Ziele der Niedrigzinspolitik

  • Liebe Finanztip-Community,


    es gibt sowie Fans als auch Gegner einer Niedrigzinspolitik. Dabei verstehen die meisten nicht, wie eine Zentralbank funktioniert und welche Aufgaben die hat. Besonders ist es unklar, welche Ziele durch eine Niedrigzinspolitik verfolgt werden.


    Zum Beispiel wird es auf der Webseite der BPB erklärt: sinkende/niedrige Zinsen der EZB machen Geldsparen unattraktiv und das führt dann dazu, dass mehr in Unternehmen investiert wird (Quelle: https://www.bpb.de/nachschlage…/20164/niedrigzinspolitik)


    Ist es denn richtig, was die BPB schreibt? Beim Geldsparen liegt ja das Geld nicht in einem Tresor, sondern wird von der Bank genutzt, um Kredite zu vergeben. Bedeutet, beim Geldsparen wird das Geld auch in Unternehmen investiert in Form von Krediten.


    Also ist die Aussage von BPB falsch?

  • Beim Geldsparen liegt ja das Geld nicht in einem Tresor, sondern wird von der Bank genutzt, um Kredite zu vergeben. Bedeutet, beim Geldsparen wird das Geld auch in Unternehmen investiert in Form von Krediten.

    Das stimmt mMn so nicht mehr. Was so den Kindern beim Weltspartag speziell von den Genossen und Sparkassen erzählt wird, dass die Einlage auf dem Sparbuch dem Unternehmer als Kredit gewährt wird, würde ich mal als frech gelogen bezeichnen.


    Das liegt daran, dass Kredite (sog. Giralgeld) durch die Banken selbst geschöpft werden und nur ein minimaler Anteil als Sicherheit bei der Notenbank hinterlegt werden muss. Ist ganz nett hier beschrieben. https://de.wikipedia.org/wiki/…_die_Gesch%C3%A4ftsbanken Insofern braucht die Bank die Einlage der Kunden (fast) nicht, insbesondere ist jede Vergütung für die Kundeneinlage in Zeiten des Negativzinses schädlich für das Ergebnis.

  • An sich ist es lustig:

    Wenn Banken Geld schöpfen, entsteht aus dem Nichts ein Guthaben und parallel eine Verbindlichkeit. Alle schauen auf das Guthaben und niemand auf die Verbindlichkeit.

    5 Minuten später geht es um zu viele Schulden und kein Mensch fragt nach den Guthaben, die den Schulden gegenüberstehen.


    Oder anders:

    Schritt 1: Geld entsteht (böse!!!)

    Schritt 2: Geld ist weg, nur Schulden da (böse!!!)

    :/

  • Das liegt daran, dass Kredite (sog. Giralgeld) durch die Banken selbst geschöpft werden und nur ein minimaler Anteil als Sicherheit bei der Notenbank hinterlegt werden muss. Ist ganz nett hier beschrieben. https://de.wikipedia.org/wiki/…_die_Gesch%C3%A4ftsbanken Insofern braucht die Bank die Einlage der Kunden (fast) nicht, insbesondere ist jede Vergütung für die Kundeneinlage in Zeiten des Negativzinses schädlich für das Ergebnis.

    Na ja, laut Gesetz müssen die Banken eine Mindesteigenkapitalquote aufweisen, das mit echtem Geld hinterlegt wird. Auch bei Geldüberweisungen zwischen den Banken muss echtes Geld verwendet werden. Also brauchen die Banken doch Sparkonten, damit das ganze funktioniert.


    Wenn Banken Geld schöpfen

    Wenn Banken unbegrenzt Geld schöpfen, wird Hyperinflation entstehen. Deswegen dürfen die Banken nur so viel Geld schöpfen und verleihen, bis die Mindesteigenkapitalquote erreicht ist.

  • BPB fällt bei mir unter Staatspropaganda.


    Ich halte diese Zinssituation für krank.

    Andere Länder (USA, Schweiz) fahren aber genau die gleiche oder ähnliche Politik - ist das auch Propaganda und "krank"?

    Klar ist die Situation für Sparer nicht schön - aber man muss auch die Gründe für die Situation im Auge behalten und in Betracht ziehen was die Auswirkungen wären, wenn die Zinsen deutlich steigen würden.

  • Laut BPB machen niedrige Zinsen Sparkonten unattraktiv und deswegen wird mehr konsumiert (Quelle: https://www.bpb.de/nachschlage…/20164/niedrigzinspolitik)


    Diese Aussage ist auch sehr verwirrend. Unabhängig von Zinsen, werden die Menschen zum Beispiel genau so viel Lebensmittel konsumieren. Es kann sein, dass viele anfangen Grundstücke zu kaufen, um Gespartes vor Inflation zu schützen. Da Land kein Produktivvermögen darstellt, sorgt es nicht für mehr Konsum, sondern nur für steigende Grundstückpreise.

  • Na ja, laut Gesetz müssen die Banken eine Mindesteigenkapitalquote aufweisen, das mit echtem Geld hinterlegt wird.

    Die Einlagen zählen nicht zum EK.


    Auch bei Geldüberweisungen zwischen den Banken muss echtes Geld verwendet werden. Also brauchen die Banken doch Sparkonten, damit das ganze funktioniert.

    Das ist mMn so nicht logisch. Durch einen Kredit kann beim Absender des Geldes eine Möglichkeit bestehen eine Überweisung zu tätigen (vulgo Dispo). Insofern brauchen die Banken die Sparkonten im Grundsatz nicht.

    Laut BPB machen niedrige Zinsen Sparkonten unattraktiv und deswegen wird mehr konsumiert ...

    Diese Aussage ist auch sehr verwirrend. Unabhängig von Zinsen, werden die Menschen zum Beispiel genau so viel Lebensmittel konsumieren.

    Hier geht es um eine Erhöhung der Konsumausgaben über den täglichen Bedarf hinaus. Wenn man dann die Finanzierung zu nahe Null bekommt bzw. das Sparguthaben einen deutlich negativen Realzins hat ist es attraktiv Anschaffungen jetzt zu tätigen als damit zu warten. Das ist u.a. eine Quelle der Inflation, da ein im Vergleich zur Nachfrage zu geringes Warenangebot zu steigenden Preisen führt.

  • In der Theorie hat die BPB ja recht. Wenn man sich darauf einlässt die Realität radikal zu vereinfach und Menschen nur noch die Wahl zwischen Sparkonto und Konsum haben. Und konsumierte Produkte im Land hergestellt werden statt in China. Problem ist, in der Praxis sind halt Theorie und Praxis exakt wegen dieser Vereinfachung ziemlich verschieden.


    In der Praxis tragend sind meiner Meinung nach vor allem zwei Probleme:

    1. In der Praxis verteilt sich zusätzliches billiges Geld nicht gleichmäßig (Cantillon Effekt). Das Geld wandert nicht nur in Investitionen sondern treibt auch die Preise von Aktien und Immobilien bis hin zu Blase

    2. Ein niedriger Leitzins ist eher unproblematisch, aber der Markteingriff durch Quantitative Easing ist es. Der Markt hat keine Chance mehr Risikoaufschläge für Anleihen schlechter Qualität durchzusetzen da sich mit der Zentralbank immer ein Käufer zu beliebigen Preisen findet.


    Die Ziele der Niedrigzinspolitik sind klar, durch QE wird ein Risikoaufschlag für schwache Länder verhindert während gleichzeitig die Schulden langsam weginflationiert werden. Anders kommt man aus der Situation nicht mehr raus.

  • Mal ganz anders gefragt... Wann waren (zuletzt oder überhaupt) Sparkonten attraktiv?

    Richtiger Einwand - zumindest für die jüngere Vergangenheit.

    Hier gibt es eine interessante Grafik: https://de.statista.com/statis…der-leitzinsen-seit-1999/

    Bis zur Finanzkrise 2008/2009 lag der Zeitzins über die Inflationsrate, das Geld auf Sparkonten anzulegen hatte sich daher tendenziell schon gelohnt.



    Diese Aussage ist auch sehr verwirrend. Unabhängig von Zinsen, werden die Menschen zum Beispiel genau so viel Lebensmittel konsumieren. Es kann sein, dass viele anfangen Grundstücke zu kaufen, um Gespartes vor Inflation zu schützen. Da Land kein Produktivvermögen darstellt, sorgt es nicht für mehr Konsum, sondern nur für steigende Grundstückpreise.

    Wie von anderen erwähnt, sind damit ja nicht nur Lebensmittel und Grundstücke gemeint.

  • Ich finde die Diskussion über Sparkonten verkürzt das Problem. Zinsen betreffen ja auch nicht nur Sparkonten sondern sind über Anleihen in Kapitallebensversicherungen, Rentenversicherungen, usw drin. Auch als Altersrückstellung in der PKV. Man hat also oft gar nicht die Wahl ob man so anlegen will