von Immobilie "verabschieden"/ investieren in ETF?

  • Hallo Community,


    ich bin neu hier. Das Thema Finanzen beschäftigt mich aber jetzt schon eine Weile.

    Ich beziehe mich auf Saidis letztes Youtube-Video vom 01.04.2022. Im großen ganzen Dreht sich mein Problem um die Frage sich verabschieden von einem Kauf einer Eigentumswohnung und statt dessen möglicherweise in ETF'S anzulegen.


    Bin der Linda-Typ aus Saidis Video nur noch schlimmer: Ich bin auch schon 39,5 Jahre :( Alleinstehend. 40000€ in einem Bausparvertrag, 0,1% verzinst, 40000€ Festgeld bei 1,0% Zinsen. 12300€ seit kurzem in 3 marktbreiten ETF's (70% MSCI World, 20% MSCI EM, 10% MSCI World Small Caps), dazu ETF-Sparrate 220€ monatlich. Dazu noch etwas Geld auf dem Girokonto für Anschaffungen.

    Ich habe Geld auf der Seite gelassen, weil eine Eigentumswohnung für mich noch im Raum stand. Ich zweifle aber mittlerweile sehr, ob ich es jetzt noch verwirkliche. Hohe Immobilienpreise (Süddeutschland), wenig Angebot, Instandhaltung der Wohnung( bin auch kein Selbstreparierer) und mein jetzt relativ geringes Nettoeinkommen von rund 1700€ monatlich, usw. sprechen für mich dagegen. Die hohe Inflation macht mir jetzt aber noch mehr Entscheidungsdruck.

    Wie seht Ihr das?

    Was wäre meine Alternative zur Immobilie? Bausparvertrag auszahlen lassen (natürlich dann auch die Abschlussgebühren in den Sand gesetzt)? Und dann einen großen Teil in marktbreite ETF's anlegen? Wenn ja, Einstieg gestaffelt über z.B. ein Jahr? Oder doch gleich All-In? Und bin ich mit 39,5 Jahren schon zu spät dran? Mein Ziel ist Altersvorsorge, weil ich keine große gesetzliche Altersrente zu erwarten habe.


    Würde mich über nette Rückmeldungen sehr freuen.:thumbup:

  • Die Abschlussgebühr ist ohnehin weg. Die Entscheidung ob du den BSV weiter besparst, sollte also weniger davon abhängen sondern mehr vom Blick nach vorne. Wie schätzt du deine Chancen ein, demnächst eine Immobilie zu finden und welcher Preis ist dafür realistisch? Wie steht das im Verhältnis zu deinem Bausparvertrag? Welche Rate könntest du überhaupt tragen?


    Süddeutschland ist groß, da sind die Preise auch stark unterschiedlich. Und der persönliche Anspruch spielt beim Preis noch einmal eine ganz große Rolle. Von der 30qm 1-Zimmer-Wohnung ("reicht doch alleine") am Stadtrand, zur zentral gelegenen 3-Zimmer-Wohnung ("im Wohnzimmer will ich nicht schlafen und ein Hobbyzimmer brauch ich auch noch") sind himmelweite Unterschiede. Entsprechend schwer sind Pauschalaussagen.


    Grundsätzlich würde ich aber bei 1700€ netto mich tendenziell eher von dem Gedanken verabschieden. Die 35% fürs Wohnen wirst du auch als Mieter nicht schaffen, aber mit dem Gehalt lassen sich einfach keine großen Raten fahren. Abzüglich Nebenkosten und Instandhaltungsrücklagen bleibt dort eher eine Rate von 500€ übrig als von 1000€. Grob über den Daumen gepeilt könntest du damit einen Kredit von 120 000€ aufnehmen. Im ländlichen Raum gibt es noch Wohnungen für 150 000€, aber sonst sehe ich da eher schwarz

  • Hast Du noch einen Notgroschen auf der Seite?

    Falls ja solltest Du überlegen, wie hoch das Risiko sein darf, ohne dass es kalte Füße bei einem Crash gibt.


    Dann würde ich von den ca. 90 TEUR Gesamtvermögen (ohne Notgroschen) noch den risikoärmeren Teil auf das Tagesgeld packen und den Rest sofort investieren. In den meisten Fällen ist die sofortige Investition "besser" gewesen (hinsichtlich der Rendite). Hinsichtlich der Psychologie empfehlen viele die Investition auf Raten. Hier würde ich aber auf maximal 6 Monate strecken.


    Damit könntest Du dann z.B. auf 350 TEUR (Annahme: 60 TEUR Sofort und 220 EUR monatlich bei 6%) bis zur Rente (mit 63) kommen (ohne Inflation). Da kann man dann sicher auch eine Summe entnehmen, welche wahrscheinlich Deinen Lebensstandard für 25+ Jahre erhalten kann.

  • Das mit dem Einstieg ist eine schwierige Frage bei der es kein richtig und kein falsch gibt. Tendenziell wird bei Unsicherheit eher zum gestaffelten Einstieg geraten, z.B. über ein Jahr. Meiner Meinung nach betrachtet man das Thema aber zu einseitig, wenn man sich nur die Frage stellt ob jemand bei tiefroten Zahlen im Markt bleibt. Bei einem gestaffelten Einstieg ist vorgesehen, dass man mit substantiellen Beträgen (bei dir z.B.10 000€) jeden Monat einsteigt, auch wenn die Börse gerade kracht. Zu wenig Aufmerksamkeit wird dabei der Frage gestellt ob ein Neuling das auch tatsächlich durchzieht oder dann doch erst einmal die Finger von der Börse lässt. Insofern würde ich da die Einmalanlage nicht vorschnell abschreiben. Was weg ist, ist weg und um wieder auszusteigen müsste man sich durchringen die Verluste zu realisieren.

  • @RNowotny @LebenimSueden Herzlichen Dank für die ausführlichen Antworten und Inputs.


    Ich hatte mit einem Sparplan angefangen um in das Thema reinzukommen. Der läuft jetzt schon einige Monate. Habe mich auch gut eingelesen, zumindest was die Basics und Standard-ETF's, etc. angeht. Ein kompletter Anfänger bin ich vielleicht nicht mehr. Aber eine große Anlage ist doch was anderes.

    Am 15.03.2022 hatte ich dann entschieden eine Einmalanlage von 10 000€ zu tätigen. Die Kurse sind vom Höchststand etwas zurück gegangen. (MSCI World ca. -11%, EM -20%, World Small Caps -14%). Das hat sich irgendwie besser angefühlt, als bei Höchststand.

    Aber klar, bei der hohen Inflation auf den nächsten Rücksetzer warten, der vielleicht kommt oder auch nicht... time in the market...


    Tendenziell bin ich gerade eher für Aufteilen (6, 9, 12 Monate), falls ich mich dafür entscheide.


    Zu dem Thema was @LebenimSueden angemerkt hat...

    Wenn ich mich für die Aufteilung in 6, 9 oder 12 Monaten entscheiden würden und beim 2. Monat es "krachen" würde, dann denke ich würde ich das sogar lieber "mitnehmen", gerade bei einem Anlagehorizont von 23 Jahren und nicht die Finger davon lassen.


    Ein zwischenzeitliches Minus würde ich aussitzen, davon bin ich überzeugt. Eher schmerzen würde es mich, wenn vor der Rente dann ein großes Minus stehen würde. Aber mir ist da auch noch ein Gedankenfehler unterlaufen. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Wenn man einen Anlagehorizont von ca. 23 Jahren hat, dann entnimmt man ja in der Regel nur einen Teil aus dem Depot und geht damit in sichere Anlagen. Der Rest kann sich ja ggf. noch ein paar Jahre weiter verzinsen ins Rentenalter hinein?


    @RNowotny Notgroschen auf Giro ist auch vorhanden. 20 000€. Nicht mal wenig, weil ich in nicht allzu ferner Zukunft wohl einen "neuen" Gebrauchtwagen kaufen muss. ;( Derzeit plane ich dafür ca. 12000€.

    Vielleicht bin ich pessimistisch, aber mit 6% Rendite würde ich selbst jetzt auch nicht mehr planen. Stichwort Wende Geldpolitik der Notenbanken, u.a. Aber natürlich habe ich mir auch das Renditedreieck aus der Vergangenheit angeschaut. Bei 23 Jahren zwischen 4,7% p.a. und über 10%.