Hilfe der Crash kommt... (bald?)

  • Von McProfit an den Börsenfreund HORNIE

    Ich schätze Deine Beiträge hier sehr, so wie die meisten Schreiber hier.

    Für mich ist es nach 40 Jahren Börse immer eine super Unterhaltung die unterschiedlichen Meinungen hier zu lesen und manchmal die sehr naive Vorstellung oder Vorgehensweise.

    Leider sind an der schlechten Börsenkultur hierzulande vor allem die Journalisten schuld.

    Seit Einführung der täglichen Telebörse vor gescähtzt 20 Jahren in ntv wurden Aktien und Börse bei den meisten Bürgern als eine Art Glücksspiel verstanden.

    Die täglichen Berichte über die Tagesveränderungen bei DAX und Co. sind das Unwichtigste für einen Anleger.

    Dass man mit einer Aktie Miteigentümer des Unternehmes wird und dass für einen Eigentümer immer der ERTRAG, also Gewinn bzw. DIVIDENDE im Vordergrund steht, wird bei der täglichen Berichterstattung völlig ausgeblendet.

    Bei Anlagen in Immobilien ist es genau umkehrt.

    Wer sein Geld in eine vermietete Wohnung investiert, der interessiert sich vor allem wie hoch seine MIET-Einnahme ist, wie sicher diese ist und ob diese sich in den nächten Jahren langsam aber sicher steigern lässt.

    Die Wertentwicklung einer Wohnung ist zwar interessant, aber nebensächlich, weil der Immobilienbesitzer ohne Not ohnehin nicht verkauft, egal wie hoch der Verkaufspreis auch sein könnte.

    Bei Aktien ist es gerade umgekehrt.

    Da heißt es: "Vom Gewinne mitnehmen ist noch keiner ARM geworden".

    Das ist richtig: "ABER AUCH NICHT REICH" - sage ich immer.

    So wie die Menschen einerseits zu der falschen Strategie erzogen wurden, Gewinne mitzunehmen, genauso wurde ihnen auch eingeredet, dass jeder größere Kursrückgang ein "CRASH" sei und dass man in solche Föllen schnell verkaufen soll.

    Dass man an der Börse nur dann Aktien verkaufen kann, wenn diese ein ANDERER kauft, wird nicht gesagt.

    Und warum andere Anleger ausgerechnet dann unsere Aktien uns abkaufen, wenn wir diese in Panik vekraufen wollen, das sagt auch niemand.

    Ob diese Käufer alle Dummköpfe sind oder vielleicht doch die Klügeren, das ist kein Thema.

    Das war vor 40 Jahren schon so und hat sich bis heute nicht geändert.

    im Gegenteil:

    Da immer mehr Daytrading in Mode kommt, braucht man sich nicht wundern, wenn die Meinung zu Aktien immer schlechter als besser wird.

    Ob das FinaztipFORUM da viel ändern kann, weiß nicht nicht.

    Ich habe eher den Eindruck das ist ein Kampf gegen Windmühlen.

    Immerhin freue ich mich, wenn es auch hier immer mehr echte Anleger an der Börse gibt und nicht so viele TRADER.

    Ich bin mir nicht eimal sicher ob sich die Leser hier vorstellen können, wie stark sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte die Dividende entwickelt und wie unwichtiger damit immer die Kurse werden.

    Das setzt jedoch voraus, dass man sehr früh im Leben damit beginnt und dass man auch übriges Geld immer konsequent zum Nachkaufen nutzt, egal was gerade in der Telebörse erzählt wird. Wie sagt der Stuttgarter Aktienbrief-Herausgeber Brandmaier immer.

    JEDER TAG IST KAUFTAG.

    Schöne Grüße McProfit.

  • Das setzt jedoch voraus, dass man sehr früh im Leben damit beginnt und dass man auch übriges Geld immer konsequent zum Nachkaufen nutzt, egal was gerade in der Telebörse erzählt wird. Wie sagt der Stuttgarter Aktienbrief-Herausgeber Brandmaier immer.

    JEDER TAG IST KAUFTAG.

    Schöne Grüße McProfit.

    Ich schätze deine Beiträge hier sehr, weil sie sehr oft allgemeinere Aspekte beleuchten und eben nicht ganz konkrete Vorfälle/Aktionen.

    Ich kann für mich sprechen, dass mein erster Kontakt mit Geld über das Taschengeld und dann den Weltspartag erfolgte. Da trug man das Geld auf das Sparbuch und eben nicht in einen ETF-Sparplan oder in Aktien.
    Sowas prägt dann schon.

  • Hallo McProfit


    auch wenn Du Dich explizit an Hornie gewandt hast ... erlaube ich mir mal eine Antwort.


    Deinen ausführlichen Kommentar finde ich wirklich ganz prima und das Allermeiste würde ich vollumfänglich unterschreiben (und für meinen Teil tummele ich mich nun auch schon immerhin fast ein halbes Jahrhundert auf den Märkten). Das ist sehr viel Wahres und Wichtiges in Deinem Beitrag ! Insbesondere zur (leider) fehlenden Aktienkultur in Deutschland. Noch dazu sind wir hierzulande (leider) auch Schlußlicht in der Eurozone beim Thema "Wohneigentum" (Immobilie). Keine gute Kombination weder Aktien noch Immobilien zu haben.


    Den Schwerpunkt in nominalen Geldwerten zu halten (Girokonten, Sparbücher, Tages- und Festgelder, Lebensversicherungen usw. - bei den Deutschen offensichtlich immer noch sehr beliebt) scheint mir generell keine besonders gute Idee - bei einer (zunehmend weichen) Währung wie dem Euro (und derart weit ins Negative verschobenen Realzinsen) eine eher besonders schlechte Idee. Höre ich heute leider aber immer noch oft in meinem Umfeld: "Die Börse ist nur was für Zocker", "Die Börse ist ein Spiel-Casino", "Aktien sind nur was für Millionäre" etc.


    Die von Dir erwähnte Dynamik der Dividendenentwicklung über die Jahrzehnte kenne ich aus eigener Anschauung. Meine ersten Dividenden hätten damals alle zusammen nur für einen Restaurantbesuch gereicht - heute würde allein eine einzige Dividende (die einer großen deutschen Assekuranz) den kompletten Bedarf eines Durchschnittsverdieners viele Monate lang abdecken. Gemacht habe ich nix - außer die Dividenden stets zu reinvestieren ...


    Zudem sind Aktien deutlich pflegeleichter als (vermietete) Immobilien. Klar, es gilt Schwankungen (und auch Crashs) auszuhalten - sowohl subjektiv also mental als auch von der objektiven Seite her (Risikotragfähigkeit). Dagegen als Vermieter tätig zu sein (jedenfalls ab mehreren Objekten aufwärts) ist eine unternehmerische Tätigkeit (die durchaus sehr zeitaufwändig und auch herausfordernd sein kann - um die Formulierung anstrengend zu vermeiden).


    Ein mir bekannter Prof. hatte mal ausgerechnet, was aus 100 $ angelegt in der Zeit von 1914-2015 (also über 100 Jahre) in den USA geworden wäre (nachrecherchiert und nachgerechnet habe ich das nicht, erscheint mir aber unter Berücksichtigung der langjährigen Renditen plausibel, von ca. 2,8% am US-Geldmarkt bis zu ca. 10% am US-Aktienmarkt):


    am Geldmarkt: 4.400 $

    in Staatsanleihen: 14.000 $

    in Wohnimmobilien: 100.000 $

    am Aktienmarkt: 1. 450.000 $


    Damit dürfte fast Alles gesagt sein.


    Ohne Wasser in den (Aktien)Wein gießen zu wollen nur drei ergänzende Aspekte:


    1. Eine Dividende ist dennoch etwas anderes als eine Mieteinnahme. Eine Dividende kann nämlich gekürzt werden oder komplett ausfallen. Ebenso können Unternehmen ganz vom Markt verschwinden (das passiert bei Immobilien eher nur in sehr seltenen Fällen; Beispiel: Krieg). Auch eine Miete kann natürlich ausfallen (Leerstand) oder gekürzt werden (Mängel an der Mietsache). Dennoch sind - nach meiner Erfahrung - jedenfalls Mieten iVz Dividenden der etwas sicherere und planbarere Cashflow.


    2. Ein weiterer Aspekt bzw. Unterschied: Immobilien kann man (viele müssen das sogar) via Kredit hebeln (da spielen die Banken meist gut und brav mit, wenn die Rahmenbedingungen stimmen) - das ist bei Engagements in Aktien deutlich schwieriger. Ein solcher Hebel (eingesetzt insbesondere in jungen Jahren) kann erhebliche positive Auswirkungen auf die Rendite (des eingesetzten Eigenkapitals) entfalten und damit auch auf das spätere Gesamtvermögen.


    In dem Kontext für mich vor dem Hintergrund des sog. Klumpenrisikos immer wieder erstaunlich: Fragt man z. B. jemand, der gerade einen deftigen Kredit für ein Haus oder eine Wohnung aufgenommen hat (und damit in eine einzige Anlageklasse (= Immobilien) und auch noch dazu in ein einziges Objekt (= dieses Haus/diese Wohnung) investiert ist - noch dazu auf Kredit) - ob er/sie denn auch auf Kredit in den Aktienmarkt und da in eine einzige Aktie (Beispiel: Deutsche Bank) die gleiche Summe auf Kredit samt EK investieren würde, erntet man praktisch immer nur Kopfschütteln ... Oder wie einer auch mal antwortete: In der Deutschen Bank Aktie kann ich aber nicht wohnen ... bei der eigenen Immobilie scheint dieses Klumpenrisiko dann aber keine Rolle zu spielen (vielleicht auch nur, weil es ohne Kredit für die meisten Menschen gar nicht möglich ist, Wohneigentum zu erwerben ?).


    3. Nach meinen Erfahrungen (und auch Berechnungen, die allerdings nur bis zum Jahr 2003 reichten) geht es bei Aktien (etwa wenn eine Aktienpreisblase platzt) deutlicher runter als bei Immobilien (also, wenn eine Immobilienblase platzt). Die MDDs bei Aktien liegen dann eher bei minus 40% bis minus 60% - bei Immobilien dagegen "nur" zwischen minus 25% bis minus 28%. Dafür dauern solche Crashs bei Aktien in der Regel nur etwa 10 Quartale (2,5 Jahre) bei Immobilien dagegen 16-19 Quartale an (ca. 4,5 Jahre). Eingedampft und vereinfacht: Aktien stürzen doppelt so stark ab wie Immobilien, dafür dauern Immobilienkrisen fast doppelt so lange wie Aktienkrisen bzw. Aktienmärkte erholen sich viel schneller wieder (wobei sich natürlich aus Dingen der Vergangenheit keine Garantien für die Zukunft ableiten lassen).


    Natürlich ist man im besten Fall sowohl in Aktien als auch in Immobilien investiert. Mir haben beispielsweise die Mieteinnahmen (sozusagen als halbwegs sicheres Sockeleinkommen) immer dabei geholfen, die unvermeidlichen Schwankungen am Aktienmarkt besser und ruhiger auszuhalten.


    Das größte Problem in dem ganzen Kontext dürfte allerdings die in Deutschland nur schwach ausgeprägte Finanzbildung sein ...


    Jemand wie Du könnte da für "Otto Normalverbraucher" ein prima Vorbild für einen selbst bestimmten, eigenverantwortlichen und damit erfolgreichen Umgang mit dem Thema Finanzen sein.


    In diesem Sinne


    VG

    Sovereign



    PS: So viel wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Sorry. Aber es besteht ja auch kein Lesezwang hier. Wenn nur einer/eine daraus einen einzigen Aspekt für sich mitnimmt, hat sich mein Beitrag (aus meiner Sicht) schon gelohnt.

  • Von McProfit an Börsenfreund Souverain

    Also zumindest ICH habe Deinen ganzen Beitrag von Anfang bis Ende gelesen.

    Das ist natürlich sehr viel Wahres dran.

    Leider ist die Wahrheit immer bissle komplizierter als einfache Sprüche. (siehe Politik)

    Daher braucht man dazu mehr Text und mehr Zeit.

    Wer bekommt in einer Talkshow im Fernsehen aber schon mehr als 1 Minute Redezeit.

    Wie soll man da erklären, dass Aktien und Immobilien viel näher beeinander sind, als die meisten Menschen üblicherweise meinen.

    Ist ja kein Wunder wenn man Aktien nur aus der Telebörse kennt.

    Einem Punkt in Deinem Kommentat will ich aber ausdrücklich zustimmen.

    Für einen Vermögensaufbau ist in der Tat die Immobilie der Aktien meilenweit überlegen.

    Für einen Immobilienkauf als Kapitalanlage hat man am Anfang, sofern man in früheren Jahren beginnt, den Vorteil, dass man diese Investition mit Kredit tätigen konnte.

    Eine lange Zeit konnte man sogar 100% des Kaufpreises finanzieren, sofern man zumindest Grunderwerbsteuer, Nebenkosten, Notar, Makler aufbringen konnte.

    In vielen Fällen hat sich die Immoblie durch Mieteinnahmen langsam aber sicher von selbst abbezahlt. Je nach den Umständen war auch oft noch eine Zuzahlung notwendig.
    Mit steigenden Mieten hat sich das aber aller relativiert.

    Wer dann auch noch mutig war, hat es nicht bei einer Immobilie belassen, sondern nach und nach weitere Immobilien nach dem selben Modell (also fast ohne eigenes Geld) gekauft.

    Ein lohnender Weg war viele Jahre auch der Besuch von Zwangsversteigerungen.

    Am interessanten waren und sind heute noch kleinere 2- oder 3-Zimmer-Wohnungen, kein Neubau sondern gebraucht in gepflegter Anlage.

    Ich mir selbst auf diese Weise über viele Jahre und Jahrzehnte ein großes Vermögen aufgebaut. Das hat aber über 20 Jarhe gedauert und ich hatte auch Glück in einer besonders günstigen Zeit aktiv zu sein.

    Erst später, als ich durch erste Verkäufe, echtes Geld hatte (und nicht nur Vermögen) habe ich Aktien gekauft.

    Auch dabei habe ich keinen Fehler ausgelassen.

    Aber schnell gelernt, dank den vielen guten Ratschlägen vom damals oft belächelten Altmeister der Börse Kostolany ,dessen Vorträge ich immer besucht habe.

    Auch der Stuttgarter Aktienbrief war eine große Hilfe weil immer nur Halten und LIegenlassen gepredigt wurde und auf die Kraft der Dividende hingewiesen wurde.

    Der Vergleich Aktien oder Immobilien ist desalb so schwierig, weil man im einen Fall Geld braucht und im anderen Fall nur Bonität.

    Hat man erst mal Beides, dann stellt man fest. dass Aktien der Immobilie weit überlegen sind.

    Vor allem für Menschen die mit Immobilien auch schlechte Erfahrungen gemacht haben.

    Nichtzahlende Mieter, Räumungsklagen, Schäden, hohe Reparaturen, Mietausfall.

    Auch die Besonderheit bei Gewerbeimmobilien gehört dazu.

    Das alles würde hier zu weit führen.

    Sonst wird mein Beitrag noch länger als Deiner.

    Vielen Dank für Deine hochinteressanten Einblick in Deine eigenen Erfahrungen.

    Weiterhin viel Erfolg wünscht McProfit aus dem Schwabenland.

  • Mir fällt gerade der schöne Vergleich vom ehemaligen Buba-Chef Pöhl auf die Füße:


    Inflation ist wie Zahnpasta. Ist sie einmal aus der Tube, bekommt man sie schwer wieder rein.

    Legendär da ziemlich treffend.


    Mindestens genauso gut gefällt mir die folgende legendäre Aussage (könnte von dem ehemaligen Bundesbank Präsidenten Otmar Emminger stammen ...):


    "Wer mit der Inflation flirtet - wird von ihr geheiratet"


    Zur Erinnerung: Was "stabiles Geld" ist (also "Preisniveaustabilität" sprich "Kaufkraftstabilität") darf sich die EZB selber definieren. Dies war zunächst eine Spanne von Null bis zwei Prozent. Wurde im nächsten Schritt aber dann seitens der EZB erhöht als anzustrebendes festes "Ziel" von "nahe aber unter zwei Prozent" (was denknotwendig wohl einen Wert von 1,6 - 1,9 Prozent p. a. bedeuten muß). Danach erfolgte eine weitere Erhöhung auf fixe zwei Prozent. Schließlich wurde dies "symmetrisch" definiert und damit erneut erhöht. Sprich: War die Inflation länger niedriger als zwei Prozent - dann darf sie danach auch länger über zwei Prozent liegen ... (aus Sicht der EZB jedenfalls).


    In den vergangenen Jahren hatte die EZB andere Prioritäten als "stabiles Geld" (obwohl dies nach den EU-Verträgen ihr Hauptmandat ist; siehe Art. 119 Abs. 2, Art. 127 Abs. 1 sowie Art. 282 Abs. 2 Satz 2 AEUV). Mit der Finanzkrise (2008) spätestens aber mit Ausbruch der Eurokrise (ab 2010 beginnend mit Griechenland) sah die EZB ihre Aufgabe in der "Rettung des Euro" und die "Stabilität der Währung" wurde semantisch umgedeutet in den Erhalt der "Stabilität der Eurozone" sprich kein Land darf aus der Eurozone (r)ausfallen.


    Man muß daher (leider) gespannt sein, wie die EZB ihr nach den EU-Verträgen festgelegtes und eigentliches Mandat (siehe EU-Verträge sprich AEUV) noch erfüllen will, kann und wird.


  • Selbst die sinnigsten Sprüche zum Thema "Inflation" (und/oder anderen Finanzthemen) dürften weitgehend ins Leere laufen bei einer Bevölkerung mit derart geringer Finanzbildung wie ausgerechnet in Deutschland.


    Wenn fast jeder zweite junge Mensch nicht erklären kann, was die Inflationsrate ist ...

    Wenn nur knapp ein Viertel die Höhe der Teuerung kennt ...

    Wenn mehr als 50% nicht wissen, welchen Auftrag die EZB hat (Sicherung der Preisstabilität) ...


    (Quelle: Bundesverband deutscher Banken; Oliver Santen Leiter Kommunikation, Umfrage des Verbandes unter 16-24-Jährigen)


    Für die handelnden Protagonisten vielleicht ja sogar von Vorteil, daß die Menschen in der Eurozone zwar die Einheitswährung im Alltag verwenden müssen - aber die meisten Menschen vermutlich die dahinterstehenden Verträge (AEUV) zur Europäischen Währungsunion (EWU) gar nicht kennen ? Und auch Aussagen, Umdeutungen, Neudefinitionen usw. der Europäischen Zentralbank (im EZB-Sprech) nicht richtig und/oder nicht komplett verstehen bzw. überhaupt einordnen können ? Eine Nichtbeachtung der Verträge oder ein Verstoß gegen die EU-Verträge beispielsweise kann ja nur dem auffallen, der diese Verträge überhaupt kennt (s. in dem Kontext auch meinen Beitrag Nr. 1.147; permanente Erhöhung des Inflationsziels und semantische Umdeutung des ursprünglichen vertraglichen Stabilitätsbegriffs).

  • Wenn fast jeder zweite junge Mensch nicht erklären kann, was die Inflationsrate ist ...

    Wenn nur knapp ein Viertel die Höhe der Teuerung kennt ...

    Wenn mehr als 50% nicht wissen, welchen Auftrag die EZB hat (Sicherung der Preisstabilität) ...

    Inflation war die letzten 20 Jahre auch irgendwie kein Thema. Ich könnte jetzt auf die Schnelle auch keine Differentialgleichung (mehr) lösen. Schlichtweg, weil ich mich seit der Schulzeit nicht mehr damit auseinandersetzen mußte.

    Ich sehe das ganze Recht entspannt. Meine Eltern haben die 70'er und 80'er Jahre trotz hoher Inflation problemlos überstanden. Noch dazu stand in dieser Zeit der 'Russe' an der Elbe und der Wald ist gestorben.

    Nun erlebt meine Generation Inflation und auch der 'Russe' ist wieder Thema. Und auch diese Zeit werden wir überstehen.

  • Inflation war die letzten 20 Jahre auch irgendwie kein Thema.

    Nun ja, negative Realzinsen haben wir nach meinen Berechnungen seit dem Jahr 2009 (der guten Ordnung halber: Die Deutsche Bundesbank meint "erst" seit dem Jahr 2011), mithin also seit 13 bzw. 11 Jahren (wenn man der Deutschen Bundesbank mehr Vertrauen schenken will, als meiner Person; wofür ich Verständnis hätte). Seit dieser langen Zeit werden Ersparnisse also von der Inflation angegriffen sprich entwertet.


    Und eine massive Vermögenspreisinflation haben wir ebenfalls seit sehr vielen Jahren (Immobilien, Gold, Kunst, Oldtimer usw.).


    Inflation war - jedenfalls bei mir - in den letzten 20 Jahren sehr wohl "irgendwie ein Thema".

  • Lt. der beigefügten Grafik, hatten wir auch in seligen D-Mark-Zeiten immer wieder (auch längerfristige) Phasen mit negativem Realzins.

    Stimmt, gewisse "Phasen" lang gab es das. Das zeigen auch meine Aufzeichnungen. An einen derart langen Zeitraum praktisch durchgehend negativer Realzinsen (die noch dazu sukzessive immer noch negativer wurden) wie in der Eurozone, kann ich mich allerdings in meinem kleinen Finanzleben nicht erinnern (und ich bin immerhin seit 1971 dabei).


    Dazu kommt: In früheren DM-Zeiten konnte man meist selbst in diesen "Phasen" mittels längeren Laufzeiten (sprich Illiquiditätsprämien) dem Inflationieren seiner Ersparnisse entgegenwirken. Das war die vergangenen Jahre auch nicht mehr möglich.


    Es wird jedenfalls spannend zu sehen sein, wie (und ob) die EZB ihrem in den EU-Verträgen festgelegten Mandat (Preisniveaustabilität) nachkommen wird. Insbesondere vor dem Hintergrund der inzwischen erreichten Schuldenstände diverser Länder der Eurozone (Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Frankreich usw.). Ironie des Ganzen: Die zuvor durch die jahrelange ultra-expansive Geldpolitik der EZB gesetzten signifikanten (Fehl)Anreize (billiges Geld, Verschulden lohnt sich, dadurch ausbleibende Strukturreformen in vielen Euroländern, keine/kaum Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit diverser Euroländer, Abschirmung ganzer Länder vom (Zins)Markt via Anleihekäufen in Billionenhöhe, durch Null- und Negativzinsen (mit)aufgepumpte Vermögenspreisblasen usw.) bilden jetzt genau die Risiken und Hürden (Stichworte: Schuldendiensttragfähigkeit diverser Euroländer, Finanzstabilität im gesamten Euroraum) für eine auch nur halbwegs Normalisierung der Geldpolitik (via Zinserhöhungen) zwecks der dringend erforderlichen Inflationsbekämpfung.


    Das könnte für die EZB ein recht putziger "Ritt auf der Rasierklinge" werden ...

  • Einfach Euro abschaffen dann lösen sich alle Probleme von selbst. Putin macht Selfis mit Selenskyj, jedes geeignete Dach hat plötzlich ne Solaranlage, Vermieter bauen ihren Mietern neue Fenster ein, viele Umarmungen und natürlich alles vegan !!

  • Zu schlechtem Geld im Allgemeinen und seinen Auswirkungen auf eine Gesellschaft (Stefan Zweig - um nur ein einziges aber legendäres Beispiel zu nennen) und/oder nicht funktionierenden Währungsunionen im Besonderen (außer dem "Ostkaribischen Dollar" - eine Insel- bzw. sozusagen Operettenwährung - ist mir keine einzige Währungsunion bekannt, die funktioniert und überlebt hätte ...) würden mir Dutzende von guten Zitaten einfallen (sozusagen quer durch die Finanzgeschichte). Eine andere Frage wäre, ob diese Zitate dann auch von jedermann intellektuell verstanden würden (oder man diese überhaupt verstehen will).


    Daher beschränke ich mich aus aktuellem Anlass (Stichwort: Inflation) auf Herrn Jerome Powell (Chef der US-Notenbank (Fed); das Zitat stammt aus seiner Rede vom Mittwoch im Kontext mit der jüngsten Fed-Zinsentscheidung und einer Erhöhung um 75 Basispunkte):


    "Ohne Preisstabilität funktioniert die Wirtschaft für niemand".


    Ohne funktionierende Wirtschaft wird man weder eine eigene Landes-Verteidigung hinbekommen (ein angegriffenes Land (wie die Ukraine) nicht finanziell und militärisch unterstützen können, den Klimawandel kaum oder gar nicht bekämpfen können usw. usw. usw.) noch einen derart ausgebauten Wohlfahrtsstaat wie Deutschland auf Dauer unterhalten können. Das dürfte sogar mein jüngstes Patenkind (14) verstehen ...

  • Ich sehe das ganze Recht entspannt. Meine Eltern haben die 70'er und 80'er Jahre trotz hoher Inflation problemlos überstanden. Noch dazu stand in dieser Zeit der 'Russe' an der Elbe und der Wald ist gestorben.

    Nun erlebt meine Generation Inflation und auch der 'Russe' ist wieder Thema. Und auch diese Zeit werden wir überstehen.

    Und statt dem Waldsterben ängstigt man die Leute jetzt damit, dass Holland untergeht. ;)

    "Ohne Preisstabilität funktioniert die Wirtschaft für niemand".

    Wobei Stabilität hier nicht zwingend statisch zu verstehen ist. Auch bei 2, 5, 10% Inflation funktioniert die Wirtschaft noch. Wichtig ist nur, dass die Inflation auch erwartet und von jedem eingepreist ist. Das haben die 70er und 80er ja auch gezeigt.

    Anders sieht es mit Geld als Wertaufbewahrung aus, inklusive Finanzprodukten mit festen Zinsen

  • Auch bei 2, 5, 10% Inflation funktioniert die Wirtschaft noch. Wichtig ist nur, dass die Inflation auch erwartet und von jedem eingepreist ist. Das haben die 70er und 80er ja auch gezeigt.

    Was die 70er und 80er Jahre aber auch gezeigt haben: Wird eine hohe Inflation "von jedem" dann "erwartet" und "eingepreist" (sog. verfestigte Inflationserwartung) hat dies in aller Regel auch sog. Zweitrunden-Effekte (die berüchtigte "Lohn-Preis-Spirale") und damit als Ergebnis eine sich immer weiter verfestigende und aus sich selbst heraus speisende und damit perpetuierende Inflation. Diese dann noch zu brechen bedeutet in der Regel einen schmerzhaften Weg zu beschreiten (Konjunkturabschwung, Rezession).


    Generell bin ich daher eher bei Powell: "Ohne Preisstabilität funktioniert die Wirtschaft für niemand".


    Erinnere mich noch gut an den legendären Ausspruch von Helmut Schmidt (müßte im Wahlkampf 1972 gewesen sein) der wörtlich oder zumindest sinngemäß sagte: "Mir sind 5% Inflation lieber als 5% Arbeitslosigkeit". Ganz so als könnte man das alternativ frei auswählen ... Schmidt bekam dann später das "Schlechteste aus beiden Welten" nämlich kumulativ sowohl hohe Inflation als auch hohe Arbeitslosigkeit ...


    Würde hier zu weit führen, daher nur kurz: Der damals behauptete statische Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit geht m. W. zurück auf Alban W. Phillips. Weiter ausgearbeitet hatten das später Paul Samuelson und Robert Solow (der m. W. wohl auch den Begriff der sog. Phillips-Kurve etablierte). In den nachfolgenden Jahren wurde aber von verschiedenen Ökonomen (u. a. Milton Friedmann, Allan Meltzer, Edmund Phelps) aufgezeigt, daß dieser (behauptete) Zusammenhang nicht so eng und nicht so zwingend ist und bestenfalls für kurze Zeiträume gilt. Im Gegenteil: Inflation kann sogar die Zunahme von Arbeitslosigkeit begünstigen. Die Phillips-Kurve wird daher heute m. W. eher sehr kritisch gesehen. Das hier aber nur am Rande.


    Anders sieht es mit Geld als Wertaufbewahrung aus, inklusive Finanzprodukten mit festen Zinsen

    Wie ich hier, glaube ich, an anderer Stelle schon mal schrieb: Geld wird - jedenfalls in allen mir bekannten Lehrbüchern - durch seine drei Geldfunktionen definiert, also 1. als Zahlungsmittel (Tauschfunktion), 2. als Recheneinheit (Wertmaßstab-Funktion) und - last but not least - 3. mit dem Schatzcharakter (Wertaufbewahrungs-Funktion). Diese wichtige Funktion als Wertaufbewahrungsmittel hat der Euro aber längst verloren (Stichwort: Finanzielle Repression, negative Realzinsen seit > 10 Jahren).


    Insoweit ist der Euro - für mich jedenfalls - nur noch eine Art Schwundgeld. Insoweit finde ich die Terminologie "Liraisierung des Euro" zwar traurig aber (leider) durchaus treffend.